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Sommerliebe (1)

von mlabelle


I.

Sie lagen am Pool und teilten sich die Kopfhörer von Sarah. In voller Lautstärke hörten sie die Hits aus den Charts und bei ihren Lieblingsliedern sangen sie und wippten im Takt mit den Füßen. Es war der zweite gemeinsame Urlaub ihrer Familien in Spanien, sie waren beide dreizehn, fast vierzehn und noch verstanden sie sich prächtig, auch wenn sich die ersten Unterschiede zwischen ihnen ausmachen ließen, die später zum Ende ihrer Freundschaft führen sollten. Sarah hatte ihre Interessen radikal geändert. Im letzten Sommer war sie noch ein Mädchen voller kindlicher Ideen gewesen. Jetzt wollte sie als Erwachsene gelten. Sie machte sich Nägel und Haare, schminkte sich und trug enge Tops, auch wenn ihre Mutter das nicht gut hieß. Leonie hingegen war immer noch flach und hager und hüllte ihren Körper am liebsten in weite, ausgeleierte T-Shirts. Leonie hatte eine große Sammlung Bücher im Koffer mitgenommen. Sarah las jetzt Mädchenzeitschriften und kannte nur noch ein Gesprächsthema: Jungs. In der ersten Ferienwoche erzählte sie Leonie jedes Detail über die Jungen in ihrer Klasse. Welcher Junge süß war und welcher nicht. Wer ein freches Grinsen hatte oder das teuerste Smartphone. Und welcher von ihnen allen der Allersüßeste war, nämlich der Junge, der hinter ihr saß und ihr ab und zu Papierkügelchen in die Haare warf. Leonie langweilte Sarahs Geschichten ungeheuer. Sie wollte lieber etwas unternehmen, die Gegend erkunden, anstatt immer nur am Pool zu sitzen und über Sarahs derzeitigen Klassenschwarm zu reden. Aber Sarah sagte, sie hätten noch nicht lange genug für die perfekte Sommerbräune auf den Liegestühlen gelegen und drehte sich demonstrativ vom Rücken auf den Bauch, um jeder Körperseite eine ausreichende Portion Sonneneinstrahlung zu gönnen. Leonie seufzte und griff nach ihrer Urlaubslektüre, gerade als oberhalb der Sonnenterasse ein unbekanntes Auto auf den Hof der Ferienanlage fuhr. „Neue Gäste“, sagte Sarah. Eine Familie stieg aus, Vater und Mutter, ein Hund und ein missmutig dreinblickender Teenager. Sarahs Interesse war sofort geweckt. Sie schob ihre Sonnenbrille nach oben und setzte sich auf, um einen besseren Blick über die Oleanderhecke hinweg auf die Neuankömmlinge zu haben. Aufgeregt tätschelte sie Leonies Arm. „Was meinst du wie alt der ist?“ „Kein Plan. Geh hin und frag.“, antwortete Leonie unberührt. Schon war Sarah aufgesprungen und zum Parkplatz gelaufen. Leonie sah, wie sie die Familie begrüßte und den Teenager in ein Gespräch verwickelte. Dabei verlagerte das Gewicht von einem Bein aufs andere und drehte ihren Finger um eine Haarsträhne, während sie mit ihm sprach. Leonie wandte sich missmutig den Seiten ihres Buches zu. Sie hatte mit Sarah ausgemacht, den Tag gemeinsam am Pool zu verbringen, während ihre Eltern einen Ausflug machten. Und nun saß sie alleine hier. Sie ärgerte sich über Sarahs neue Anwandlungen. Der Junge vom Parkplatz war nichts Besonderes. Im Gegenteil, Leonie hatte aus hundert Meter Entfernung erkennen können, dass auf seiner linken Wange ein eiternder Pickel sproß. Sarah kam tatsächlich bald zurück. Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich betont elegant zurück in den Liegestuhl setze. „Und, wie alt ist er?“, fragte Leonie. „Sag ich dir nicht.“„Und wie heißt er?“„Sag ich dir auch nicht.“ Egal wie sehr Leonie nach bohrte, Sarah gab ihr keine Informationen, als wolle sie den Jungen für sich alleine haben.
Bei dieser Funkstille blieb es bis ihre Eltern von ihrem Ausflug zurückkamen. Ob etwas vorgefallen sei, wollte ihre Mutter von Leonie wissen. Sie hatte eine unfehlbare mütterliche Intuition. Aber was sollte Leonie ihr erzählen? Es war ja eigentlich nichts vorgefallen. Sarah und sie hatten ja nicht gestritten oder so.
Das Abendessen verlief ganz normal, Sarah war heiter und verhielt sich so wie immer, nur Leonie war etwas wortkarg. Nach dem Essen beschäftigte Sarah sich mit ihrem Tagebuch. Leonie konnte sehen, wie sie mit einem Stift rote Herzen hineinmalte. Ihre Eltern bekamen bald mit, was los war, spätestens als Sarah bettelte, ob Jonas, so hieß ihr Schwarm, mit ihnen an den Strand fahren durfte. Die Erwachsenen waren ja nicht auf die Augen gefallen und wussten schließlich selbst, wie es gewesen war, ein verliebter Teenager zu sein. Sie lachten und zogen Sarah ein wenig mit ihrer Romanze auf, aber auf eine wohlwollende Art und Weise. „Unsere Kleine wird eben groß.“, konnte sie Sarahs Mutter zu ihrem Mann sagen hören und Leonie sah sie dabei lächeln.
Leonie fehlte indes ihre untreue Spielkameradin. Nachdem Sarah sie nicht in ihre Gefühlswelt einweihen wollte und jeden Vorschlag von Leonie abschlug, sich mit etwas anderem als ihrer Sommerliebe zu beschäftigen, vertrieb Leonie sich die Zeit, indem sie zwischen den Olivenbäumen rings um die Ferienhäuser erkundete. Sie entdeckte Insekten, Käfer und Schmetterlinge und klaute die frischen, saftigen Feigen aus einem schlecht umzäunten Gartengrundstück. Manchmal spielte sie auch mit den Nachbarshunden. Und irgendwann fand sie ihren Lieblingsplatz unter einem schattigen Baum, wohin sie ihr Buch und eine Decke nahm und etwas las.
Leonies Sommer wäre sehr einsam verlaufen, hätte es nicht ein paar Tage später einen erneuten Wechsel unter den Feriengästen gegeben. Ein Ehepaar mit zwei Töchtern, Jennifer und Zoe, zog in eine angrenzende Ferienwohnung ein. Leonie begrüßte die Abwechslung, die die lebhaften Schwestern brachten. Sie spielte oft mit ihnen, auch wenn die beiden sich permanent stritten. Jennifer und Zoe stritten sich im Pool um die Luftmatratze, beim Mensch-ärger-dich-nicht um die Würfel und beim Abendessen um den Nachtisch. Nur in einem waren sie sich einig, nämlich, dass Sarahs Schwärmerei für den schlechtgelaunten Jungen total peinlich war, denn Jungs waren voll eklig.
„Stell dir mal vor, die zwei küssen sich. Vielleicht sogar mit Zunge.“, malte Zoe sich aus, während die Jennifer lauthals gackerte und Leonie peinlich berührt auf den Boden sah. Dann gestand Jennifer, die ältere Schwester, wie sie selbst schon mal einen Jungen geküsst hatte „Aber ohne Zunge..!“, weil das sei nun wirklich das ekelhafteste, was man sich vorstellen konnte. Leonie lachte nur und nuckelte am Strohhalm ihrer Limonadenflasche, während die jüngere Schwester zum Entsetzen der Älteren erklärte, warum alle Jungs der Welt bescheuert seien und sie niemals im Leben einen von ihnen küssen oder gar heiraten werde. „Dann hast du aber auch kein weißes Kleid und keine Hochzeitskutsche.“, gab die Ältere zu bedenken. Die Jüngere zuckte mit den Schultern. „Ich kann auch Kutsche fahren und Kleider tragen ohne Hochzeit.“, sagte sie. Die Ältere kniff kurz die Augen zusammen, als dachte sie angestrengt nach. Anscheinend fand sie darauf keine passende Antwort, wollte ihrer Schwester aber auch nicht einfach recht geben. „Dich will sowieso kein Junge.“, stellte sie fest. Zoe streckte ihr die Zunge raus. „Und dich schon dreimal nicht.“ Und schon hatten sie sich wieder in den Haaren.
Einen Tag später fuhren die vier Mädchen gemeinsam zum Strand. Jennifer und Zoe sprangen sofort ins Wasser, aber Sarah wollte nicht baden. Leonie schlug ihr vor, am Strand entlang zu laufen. Also liefen sie an der Grenze zwischen trockenem Sand und den Ausläufern der Wellen entlang und sammelten Muscheln. Sarah war schlecht drauf. Der misslaunige Junge musste mit seiner Familie zum Sightseeing fahren und Sarah lamentierte unentwegt über seine Abwesenheit. „Liebe ist schrecklich.“, stellte sie schließlich fest. „Sobald man von der geliebten Person getrennt ist, kommt einem alles fade und grau vor.“ Leonie nickte, auch wenn sie fand, dass Sarah stark übertreiben musste. „Aber sie ist auch schön.“, fuhr Sarah fort. „Weil man weiß, das der andere an einen denkt.“ Leonie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.
Als sie zurück bei ihren Handtüchern waren, schlugen Zoe und Jennifer vor, ob sie am felsigen Teil des Strandes Tauchen gehen wollten. Sarah lehnte ab, aber Leonie wollte unbedingt mitgehen. Hauptsache sie kam von der gefühlsdusligen Sarah weg. Die Gruppe paddelte mit Schnorchel und Flossen ausgerüstet die Bucht entlang. Die Unterwasserwelt bot ihren Augen einen faszinierenden Anblick. Schillernde Fische schossen in Schwärmen unter ihnen durch das Wasser, als lenke sie eine gemeinsame unsichtbare Kraft. Über die Felsen liefen kleine Krebse. Zoe deutete hinab auf eine Muschelhälfte, deren Perlmuttseite hell zu ihnen hinaufschimmerte. Schon sah Leonie Zoe vor sich in die Tiefe tauchen. Sie sah aus wie eine Wassernymphe, als wäre sie voll und ganz in ihrem Element. Doch die Stelle war zu tief und Zoe musste wieder auftauchen, bevor sie den Grund erreicht hatte. Sie rang nach Luft. Prustend nahm sie ihre Taucherbrille ab, hustete und schüttelte ihre nassen Haare. „Versuchs nochmal!“, sagte Jennifer. Aber Zoe war zu sehr außer Atem, um nochmal einen Tauchgang zu wagen. „Versuchs du doch!“ Jennifer zeigte ihr den Vogel. „Das ist zu tief.“ Zoe wandte sich Leonie zu. „Leonie, versuch du es mal!“ Ihre Augen funkelten im Sonnenlicht heller, als die spiegelnden Wellen. Leonie war wie geblendeten und sie vergaß einen Moment lang Schwimmbewegungen zu machen. Zoes Blick ließ ihre Beine weich werden, ein unheimliches Gefühl übermannte sie. Bevor ihr Wasser in den Mund steigen konnte, kam sie wieder zu sich, sagte: „Okay.“ Und holte tief Luft.



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