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Die Stille

von Mäcks


Während die Kälte durch die Straßen zieht und die Nacht langsam hereinbricht, stehe ich vor der Eingangstür unseres Hauses. Der Schlüssel befindet sich schon fast im Schlüsselloch, doch ich bin alles andere als bereit, ihn zu benutzen. Das Tor zum einstigen Paradies bleibt noch verschlossen. Es zu öffnen bedeutet, der finsteren Realität ins Gesicht zu blicken und dem Unausweichlichen einen Schritt näher zu kommen. Denn die Wahrheit, mit ihrer bedrückenden Schwere, liegt hinter diesem Eingang.

Eine Beziehung zu beenden, ist noch niemals einfach gewesen. Aber es wird umso komplizierter, je länger man den Schlussstrich hinauszögert. Genauso wie wir das gerade machen. Es ist ein liebloses Nebeneinander, und die Leere zwischen uns ist kaum auszuhalten. Doch keiner will sich die Wahrheit eingestehen und unsere gemeinsame Geschichte scheitern lassen, selbst wenn sie aussichtslos ist.

Dort, wo einst Wärme und Liebe, Akzeptanz und Respekt innewohnten, gibt es nur noch ein sich ausdehnendes schwarzes Loch, das jegliches Licht und all die Leidenschaft auffrisst, wie ein überdimensionales Monster, dessen Hunger nicht gestillt werden kann.

Wie konnte das passieren, frage ich mich, als ich den Kampf mit den Tränen verliere und ungläubig auf den Schlüsselbund starre.

Minuten, die sich wie Stunden anfühlen, vergehen. In meinem Kopf kreisen tausend Gedanken, die ein wahres Gefühlschaos entfachen. Ich will nicht in das Haus. Ich will fliehen, weit weg von hier. Weglaufen und die Tür niemals mehr öffnen. Einfach verschwinden und alles Böse unausgesprochen hinter mir lassen.

Doch so schnell diese Gedanken gekommen sind, verflüchtigen sie sich auch wieder.

Um mich herum: dunkle Nacht, und weit und breit kein anderer Mensch zu sehen.

Wie lange stehe ich denn schon hier? Die eisige Winterkälte umhüllt mich, und es beginnt zu regnen. Die Nässe durchdringt meine Kleidung. Ich friere. Doch ich weiß, dass das Gefühl im Inneren des Hauses frostiger, unangenehmer und schmerzhafter sein wird.

Mein Blick ist immer noch starr auf den jetzt steckenden Schlüssel gerichtet. Mit einem tiefen Atemzug drehe ich ihn im Schloss herum und öffne die Haustür. Voller Entschlossenheit, mich der Wahrheit zu stellen, werfe ich einen Blick hinein. Ein eisiger Luftzug lässt meinen Körper erzittern. Es ist dunkler und beklemmender, als ich es mir vorgestellt habe. Verzweiflung und Verachtung hängen in der Luft und saugen mir das letzte bisschen Hoffnung heraus.

Auch wenn diese Schwere mich fast erdrückt, schließe ich tatkräftig die Tür hinter mir. Somit gibt es kein Zurück, keinen Ausweg, nur noch die Konfrontation mit meinem Schicksal. Die Stille ist belastend, und das quälende Gewicht der Ungewissheit schnürt mir die Luft ab.

Ich gehe in die Richtung des Schlafzimmers. Die Tür ist angelehnt, und der Fernseher flimmert lautlos. Soll ich reinschauen und sie begrüßen? Eigentlich wäre es egal. Ich kann an unserer bevorstehenden Trennung nichts mehr ändern. Aber ich will sie sehen. Die Situation ist für mich bittersüß, als ich hoffnungsvoll zu unserem Bett schaue. Meine Freundin richtet ihr Gesicht in meine Richtung. Ihr gleichgültiger Blick lässt mich leicht zusammenzucken, während sie verächtlich mit den Augen rollt und sich schnaubend umdreht. Mir die kalte Schulter zeigend, entnehme ich nur ein kurzes Zischen ihrerseits: Sei leise.

Sie muss nicht viel sagen, um mich zu verletzen. Es reicht, dass ich ihre Herzlosigkeit und ihre Abneigung mir gegenüber spüre. Wo einst die Liebe war, ist nur noch Gleichgültigkeit und Missmut.

Schweigend mache ich mich im Bad zum Schlafen bereit. Doch wer könnte jetzt daran denken, sich ruhig und entspannt neben ihr im Bett niederzulassen? Wieder herrscht Chaos in meinem Kopf. Soll ich jetzt gehen? Nur wohin? Soll ich mich zu meiner einstigen Freundin ins Bett legen? Was passiert hier nur?

Der Blick in den Badezimmerspiegel zerstört den letzten Rest Zuversicht in mir. Mein Selbstvertrauen schwindet. Kummer und Schwermut machen sich in meinem ganzen Körper breit. Als ich mir selbst in die Augen sehe, erblicke ich voller Angst all das, was sie an mir nicht mehr lieben kann. Alles das, was mich für sie besonders machte, ist irgendwo auf unserem Weg verloren gegangen. Kein Glanz, kein Funkeln in meinen Augen. Nichts Besonderes mehr. Reiner Alltag und Langeweile. Neid und Missgunst.

Meine Gedanken versuchen sich erneut zu ordnen. Es ist niemals leicht, sich Fehler einzugestehen, verheerende Fehler, die man nie wieder gutmachen kann. Und dennoch müssen wir endlich darüber reden. Einst war meine Anwesenheit ein Segen.

Jetzt ist sie ihr Fluch. Ich erinnere mich, als ich die Lösung ihrer Probleme war und nicht zu ihrem hartnäckigsten Problem wurde.

Zu realisieren, dass das meine letzte Nacht in unserem Zuhause sein wird, schmerzt wie ein glühender Dolch in meinem Herzen.

Die Entscheidung, meine letzte Zeit neben ihr im Bett zu verbringen, ist reine Selbstfolter. Ich spüre nur die Kälte, die unsere Körper umhüllt. Es ist nichts mehr da, um das es sich zu kämpfen lohnt.

Alles das, was wir hatten, alles das, was wir erlebten, alles, was wir füreinander waren, ist vorbei.





copyright © by Mäcks. By publishing this on lesarion the author assures that this is her own work.





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