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Das Foto

von marissin


Ich bin schön öfter daran vorbeigelaufen. Diese Pinnwand, an der so viele Fotos hängen, dass es wie eine große Collage aussieht. Man müsste länger davor stehen bleiben, um jedes einzelne Bild begutachten zu können. Doch ich hatte nie Zeit dafür. Ich wollte mir auch keine Zeit dafür nehmen. Trotzdem konnte ich nie verhindern, einen kurzen Blick darauf zu werfen. Es war einfach zu bunt, als dass man daran hätte vorbeischauen können. Nur am Rand war ein Pärchen abgebildet. Sie in einem weißen Kleid mit einem Mann daneben, der einen schwarzen Anzug trug. Ja, ich wusste, dass eine Kollegin vergangenes Jahr geheiratet hatte. Doch mein Interesse daran war nicht allzu groß. Gestern, in einem unbeobachteten Moment, blieb ich dann doch davor stehen und wollte dieses eine Bild am Rand genauer anschauen. Es war nicht diese Kollegin. Nein, Du warst es. Mein Atem setzte kurz aus und ich schluckte schwer. Es war sehr viel Zeit vergangen. Das letzte Mal hatten wir uns vor fast 4 Jahren gesehen. Damals stand ich jeden Morgen mit dem Gedanken an Dich auf. Jeder Tag, an dem ich diesen Weg in die Arbeit gefahren bin, war wunderschön. Denn ich wusste, dass ich Dich sehen kann. Jedes Lächeln von Dir löste dieses Bauchkribbeln aus. Du warst der Grund, warum jeden Tag die Sonne schien. Und auch wenn ich wusste, dass meine Gefühle niemals erwidert würden, habe ich Deine Nähe genossen. Die Überstunden häuften sich, nur weil ich immer wieder länger blieb, um Dir noch zu helfen. Jede Berührung, war sie auch noch so unauffällig, durchfuhr mich wie ein Gewitter der Gefühle. Vielleicht hattest Du etwas gemerkt. Ich bin mir sogar fast sicher, dass Du etwas gemerkt hast. Und Du bist dennoch nicht abgewichen. Du hast jeden Tag wieder um meine Hilfe gebeten. Du hast es zugelassen, wie sich unsere Hände berührten. Und Du hast mich angesehen, als meine Fingerspitzen an Deinen lagen und ich Deine Wärme spüren konnte. Ich habe gesehen, wie sehr sich Deine Brust erhob, als Du tief eingeatmet hast. Und dann hast Du unseren Blick unterbrochen. Ich weiß, dass es falsch gewesen wäre. Du hattest einen Freund, schon viele Jahre. Und obwohl ich mir nichts sehnlicher wünschte, als seine Stelle einzunehmen, als einmal Deine Lippen kosten zu dürfen, Dich einmal zu küssen, wollte ich das nicht zerstören. Ich wusste nicht, ob Du glücklich warst. Doch ich wusste, dass ich mich da nicht reindrängen möchte. Also bin ich gegangen. Und wir hörten nie wieder voneinander. Ich dachte, es wäre für immer. Ich musste Dich vergessen. Und die Jahre haben es mir ermöglicht. Zwar werde ich immer die Erinnerung an Dich in mir tragen, aber ich wollte die Gefühle dazu nicht mitnehmen. Sie wurden schwächer und schwächer und ich dachte, sie wären weg. Doch nun war ich wieder da und stand vor diesem Foto. Ich hatte mir in diesen 4 Jahren nie wieder ein Bild von Dir angesehen. Die Klarheit Deines Gesichts wich längst einem verschwommenen Umriss. Und obwohl Du schon längst nicht mehr in dieser Stadt bist, sah ich es jetzt auf einmal wieder vor mir... Wie Du an Deinem Platz saßt, vertieft in die Arbeit und voller Gedanken. Wie Du mit Deiner fröhlichen Art jeden zum Lachen brachtest. Und wie Du mein Herz gewonnen hattest. Den Mann neben Dir hatte ich noch nie gesehen. Aber ich wusste, dass es Dein damaliger Freund war. Der Name, der in kleiner Schrift unter der Danksagung stand, kam mir zu bekannt vor. Mein Augenmerk galt wieder nur Dir. Dein weißes Kleid schmiegte sich an Deinen Körper und brachte Deine Rundungen perfekt in Form. Deine Haare waren hochgesteckt und ein paar lockige Strähnen fielen zu beiden Seiten Deines Gesichts herunter. Dein Lächeln ist noch immer das gleiche geblieben. Du sahst so wunderschön aus. Und Du sahst glücklich aus. Vertieft in die Gedanken an die vergangene Zeit, konnte ich mich nur schwer für Dich freuen. Jetzt, wo mich jede Erinnerung wieder einholte, wollte ich Dich am liebsten vor mir stehen sehen. Ich wollte Deine Stimme hören, deren Klang ich längst vergessen hatte. Ich wollte Dir in die Augen sehen. Doch ich sah nur ein Bild. Niemand bewegte sich. Niemand sagte etwas. Du warst nicht da und Du wirst es nie wieder sein. Unsere Wege haben sich getrennt und ich frage mich, ob Du manchmal noch an mich denkst. Ich tu es nun wieder öfter. Neulich hat mir eine Kollegin liebe Grüße von Dir ausgerichtet, nachdem Du erfahren hattest, dass ich zurück bin. Das ist die einzige Verbindung, die übrig geblieben ist. Auch wenn ich Dich zu gern wieder sehen würde, habe ich viel zu große Angst davor. Angst, mich in etwas zu verrennen. Angst, mich wieder zu verlieben. Und so werde ich Dich weiter in meinen Gedanken tragen. Und hoffen, dass Du mich nicht ganz vergessen wirst.



copyright © by marissin. By publishing this on lesarion the author assures that this is her own work.



comments


Schön geschrieben!
Und kommt mir bekannt vor - leider
Chinook - 03.03.2013 23:14

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